Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Oder auch: Der kürzeste Urlaub meines Lebens.

 

Manchmal ist das Schicksal wirklich ein bisschen ironisch.

Das denke ich, während ich auf dem Sofa sitze, zu dem ich in den letzten 2,5 Wochen eine Hassliebe aufgebaut habe. Denn in dieser Zeit habe ich die Tage meist sitzend, halb liegen doder liegend auf der Couch verbracht, während ich gelesen, geschlafen, Filme geschaut oder Sudoku gespielt habe. Denn viel mehr konnte ich nicht tun.


Der September war bei mir eigentlich so vollgepackt mit Terminen und Plänen und zack - werde ich plötzlich zum Nichtstun gezwungen. Aber wie kam es dazu?

 

Schon seit Anfang des Jahres haben meine Freundin Vivi und ich geplant, mal zusammen einen Wanderritt mitzumachen. Ich reite schon seit Kindertagen, habe früher auch voltigiert, und auch wenn ich aktuell nicht regelmäßig im Sattel sitze, wird dieses Hobby wohl immer ein Teil von mir sein. Deshalb habe ich mich riesig auf das letzte August-Wochenende gefreut: Freitag bis Sonntag hatten wir einen geführten Wanderritt am Niederrhein entlang gebucht.

Mit guter Laune starteten wir in den Freitag, bekamen unsere Pferde zugeteilt und kurze Zeit später ging es los. Mein Pferd hieß Peter und ich habe mich sofort wohl mit ihm gefühlt. Als ausgebildetes Kutschpferd konnte ich sicher sein, dass er nicht all zu schreckhaft ist und während wir im Schritt die ersten Kilometer zurücklegten, dachte ich, ich hätte das große Los gezogen.

Nach ungefähr 1,5 Stunden musste ich meine Meinung über Peter leider revidieren.

Denn als es zum spaßigen Teil übergehen sollte - der erste Galopp stand an - hat er sich überlegt, dass er lieber ein Rodeopferd wäre und warf mich in hohem Bogen ab.

 

Der Aufprall auf dem Boden war schmerzhaft und ich kürze die Story hier etwas ab: Auch wenn ich es nochmal probieren wollte und mich erneut auf Peter gesetzt habe, wegen Schwindel aber wieder abstieg und ihn eine Weile geführt habe - als das Adrenalin nachließ und die Schmerzen schlimmer wurden, war der Wanderritt für mich leider beendet, bevor er richtig begonnen hatte.

Das Ende vom Lied sind ein gebrochenes Kreuzbein (Knochen unterhalb der Lendenwirbelsäule) sowie Prellungen und Schürfwunden. Glück im Unglück, denn der Bruch ist glatt und nichts hat sich verschoben, sodass alles auf natürlichem Weg heilen kann. Es hätte viel schlimmer kommen können. (Zum Beispiel, wenn ich keinen Helm getragen hätte.)

 

 

Aber seit dem Unfall ist erst einmal Schonen angesagt und Gehen funktioniert aktuell nur mit Krücken. Ich hasse Krücken. Also die Erfindung an sich ist natürlich super, denn ohne sie könnte ich mich aufgrund der Schmerzen tatsächlich gar nicht fortbewegen. Aber sie hindern einen einfach an allem. Zu Hause festzusitzen ist ja schon blöd genug, aber wenn man dann noch nicht mal irgendwas im Haushalt machen kann und es schon problematisch ist, sich sein Essen von der Küche ins Wohnzimmer zu bringen, dann ist das einfach nur nervig. Und als Seitenschläferin nur auf dem Rücken liegen zu dürfen ist jetzt auch nicht so pralle. Das ist Jammern auf hohem Niveau, ich weiß.

 

Trotzdem: Meine Pläne für den September sahen definitiv anders aus.

 

Wie du sicher weißt, arbeite ich seit September 2020 nicht mehr hauptberuflich als Fotografin. Zunächst war ich 1,5 Jahre bei einer Immobilienverwaltung angestellt und habe dort 30 Std./Woche gearbeitet. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass der Job mich nicht wirklich erfüllt. Also habe ich gekündigt.

Seit dem 01. Juni habe ich einen neuen Job, in dem ich mich wirklich wohl fühle. Einziger Haken: Ich arbeite dort 35 Std./ Woche. Und führe nebenbei noch mein Fotostudio, wo ich fast jeden Abend und auch an den Wochenenden viel Zeit für aufwende. Eine große Doppelbelastung, die ich anfangs bewusst in Kauf genommen habe, für mich aber immer schwerer zu meistern ist. Denn ich habe niemals Feierabend. Dieser ständige Druck, dass dies und jenes noch erledigt werden muss, Rechnungen bezahlt, Mails beantwortet werden müssen, man aber ja auch noch einen Haushalt zu führen hat... Jedes Mal, wenn ich mich mit meinen Freunden oder meiner Familie treffe, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich eigentlich noch Fotos bearbeiten oder andere Dinge erledigen müsste.

 

Anfang August habe ich daher beschlossen, dass das so für mich nicht länger funktioniert. Und ich habe die Entscheidung getroffen, mein Fotostudio zum 30.11.2022 aufzugeben. Alle Verträge habe ich umgehend gekündigt und es fühlte sich richtig an. Um möglichst viele Altlasten tilgen zu können (Kredite für das Studio), war mein Plan, im September und Oktober nochmal so richtig Gas zu geben. Wie zur Bestätigung dieses Plans kamen quasi von allein einige große Aufträge für den September rein.

 

Und dann kam der Wanderritt und hat diese Traumblase innerhalb von Sekunden platzen lassen.

Offensichtlich wollte das Schicksal, dass ich erstmal einen Gang zurückschalte.

 

Jetzt, nach 2,5 Wochen fange ich langsam wieder an, mich stundenweise auch mal an den Computer zu setzen, um mich und meinen Körper langsam wieder dran zu gewöhnen. Und ab nächster Woche kann ich dann zumindest in meinem Hauptjob hoffentlich wieder durchstarten. Mit Krücken, denn die muss ich noch ungefähr 4 Wochen weiter nutzen. Habe ich bereits erwähnt, dass ich Krücken hasse?

 

Bis zum 30.11. ist es ja noch etwas hin. Aber dann ist meine Zeit als selbstständige Fotografin vorbei. Und zwar so richtig. Mein gesamtes Equipment werde ich verkaufen. Vielleicht mache ich im November auch einen kleinen Ausverkauf, denn im Laufe der Jahre haben sich viele schöne Requisiten angesammelt, vor allem Kindermöbel.

 

Ehrlich gesagt bin ich heilfroh, wenn die Selbstständigkeit vorbei ist.

Das Einzige, was mich traurig stimmt, sind die Gedanken an all meine lieben Stammkund:innen, die ich in den letzten Jahren begleiten durfte. Die Kinder, deren Entwicklung ich fotografisch festhalten durfte und all die witzigen Tage in den KiTas und Grundschulen. Denn eigentlich bin ich nicht müde vom Fotografieren. Sondern ich bin müde von all dem Drumherum bei einer Selbstständigkeit. Müde von den finanziellen Sorgen. Müde von dem Druck.

 

Vielleicht entscheide ich mich irgendwann noch einmal um und fange von vorn an, vielleicht auch nicht. Aber Ende November geht für mich ein langer Lebensabschnitt zuende und ein neuer beginnt.